SEX BEGINNT BEIM FRÜHSTÜCK

Sex beginnt nicht im Schlafzimmer. Oft beginnt er viel früher – bei einem Spaziergang, einem gemeinsamen Frühstück oder einem Moment echter Verbindung. Eine persönliche Geschichte über zwei Cappuccini, zwei Cornetti und die Kunst der Begegnung.

Manchmal beginnt Sex nicht im Schlafzimmer. Manchmal beginnt er mit einem Cappuccino.

Nach ein paar Tagen mit unserem Wohnmobil im Salzburger Land sind Kathrin und ich vor Kurzem wieder nach Hause gekommen. Kaum zurück, waren wir auch schon wieder in unseren alltäglichen Aufgaben und Verpflichtungen angekommen. Und wie das oft so ist: Die schöne Verbundenheit, die wir unterwegs gespürt hatten, trat langsam etwas in den Hintergrund.

Heute Morgen entschieden wir spontan, mit der Vespa in den nördlichen Englischen Garten zu fahren. Zu einer versteckten Badestelle an der Isar. Wir spazierten durch die Morgensonne, tauchten in das noch frische Wasser ein und genossen die Leichtigkeit dieses ungeplanten Vormittags. Auf dem Rückweg setzten wir uns bei unserem Lieblingsitaliener in die Sonne. Zwei Cappuccini. Zwei Cornetti mit Marmelade. Kleine Herzen im Milchschaum. Nichts Besonderes. Und gleichzeitig alles. Als wir später wieder zu Hause waren, spürte ich etwas in mir. Die Bewegung. Das kalte Wasser auf der Haut. Die Sonne im Gesicht. Die Freude über diesen gemeinsamen Vormittag. Ich musste schmunzeln. Ich saß dort in einer über zwanzig Jahre alten Jogginghose, die ich vor ein paar Tagen von Kathrin geerbt hatte. Irgendwo zwischen Schlabberlook und einer sehr gewagten Brad-Pitt-Fantasie. Und trotzdem fühlte ich mich vollkommen wohl. Ich sagte zu Kathrin: „Weißt Du was? Der Sex beginnt wohl beim Frühstück.“ Sie lachte. Weil sie offenbar einen ganz ähnlichen Gedanken gehabt hatte.

Wir sprachen nicht darüber, ob wir später am Tag Sex haben würden. Es ging um etwas anderes. Um das Gefühl von Nähe. Von Verbundenheit. Von gemeinsam erlebter Zeit. Um dieses feine Kribbeln, das entsteht, wenn zwei Menschen wirklich miteinander in Kontakt sind.

DAS KRIBBELN BEGINNT OFT WOANDERS

SEXUALITÄT WÄCHST AUF VERBINDUNG

Warum erzähle ich das? Weil ich sowohl in unserer tantrischen Arbeit als auch in meiner Arbeit mit Männern immer wieder erlebe, wie groß die Sehnsucht nach nährender Sexualität ist. Und gleichzeitig erlebe ich, wie oft wir vergessen, worauf Sexualität eigentlich wächst. Nicht auf Druck. Nicht auf Erwartungen. Nicht auf Funktionieren. Sondern auf Verbindung.

Viele Paare wünschen sich mehr Sex und versuchen, direkt dort anzusetzen. Doch häufig fehlt etwas davor: der Spaziergang, das Gespräch, die Berührung ohne Ziel, das gemeinsame Lachen oder eben ein Cappuccino in der Sonne. Die Bereitschaft, sich Zeit zu schenken.Vielleicht dürfen wir wieder lernen, dass Sexualität nicht erst dort beginnt, wo wir uns ausziehen. Vielleicht beginnt sie viel früher. In dem Moment, in dem wir bei uns selbst ankommen. In dem Moment, in dem wir neugierig werden auf den anderen Menschen. In dem Moment, in dem wir aufhören, etwas erreichen zu wollen, und stattdessen beginnen, gemeinsam etwas zu erleben.

Und vielleicht entsteht genau dort die Grundlage für eine nährende Sexualität, die nicht gemacht werden muss, sondern ganz natürlich entsteht.

WARUM MÄNNERN OFT DIE ZEIT FÜR SICH SELBST FEHLT

In meiner Arbeit mit Männern erlebe ich immer wieder, wie schwer es uns Männern fällt, uns genau diese Freiräume zu erlauben. Und wenn wir sie haben, wie schwer es uns manchmal fällt, sie wirklich wahrzunehmen. Ganz im Moment zu sein. Zu beobachten, was sich in uns verändert. Dabei liegt genau dort eine große Chance. Denn wenn wir beginnen zu spüren, wie gut uns solche Erfahrungen tun, können sie zu einem Kompass werden. Zu einer Einladung, unser Leben so zu gestalten, dass wieder mehr Präsenz möglich wird. Mehr Kontakt zu uns selbst. Mehr Verbindung zu unseren Gefühlen, Bedürfnissen und Grenzen. Und dadurch oft auch mehr Nähe zu unseren Partnerinnen.

Genau dafür schaffen wir in meinem Männer-Retreat „Gestalte Deine Beziehungen“ einen Erfahrungsraum. Einen Raum für Männer, die sich bewusst Zeit nehmen möchten, um sich Fragen zu stellen, die im Alltag oft untergehen: Wie möchte ich eigentlich leben? Welche Art von Beziehung wünsche ich mir wirklich? Was brauche ich, um präsent, klar und verbunden zu sein? Und wie komme ich wieder näher zu meinen Bedürfnissen, Gefühlen und Grenzen? Manchmal reicht schon eine bewusste Auszeit, um wieder zu spüren, was im Alltag verloren gegangen ist.

DIE KUNST, EINANDER WIRKLICH ZU BEGEGNEN

Auch in unserer gemeinsamen Arbeit bei Herzberührung begegnen wir immer wieder derselben Frage: Was bedeutet es heute eigentlich, Frau oder Mann zu sein? Was macht die besondere Anziehung zwischen den Geschlechtern aus? Wie gelingt Intimität? Und wie können wir einander begegnen, ohne uns selbst dabei zu verlieren? Unter dem Titel „Frau-Sein und Mann-Sein“ öffnen Kathrin und ich Erfahrungsräume für Begegnung, Berührung, Selbsterfahrung und bewusste Beziehungsgestaltung. Denn echte Nähe entsteht selten zufällig. Sie entsteht dort, wo Menschen bereit sind, präsent zu sein. Dort, wo wir neugierig bleiben. Dort, wo wir uns Zeit schenken. Dort, wo wir uns erlauben, einander wirklich zu begegnen.

Sex beginnt beim Frühstück. Oder beim Spaziergang. Oder beim gemeinsamen Bad im See. Eigentlich beginnt er immer dort, wo zwei Menschen sich erlauben, präsent zu sein. Und wer weiß, welche Überraschungen das Leben für uns bereithält, wenn wir aufhören, ständig nach einem Ergebnis zu suchen.